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Todesfuge

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von Paul Celan im Lazarettbunker
 

Zu schön, um wahr zu sein, kann Vorwurf werden. Darf ein Gedicht schön sein, wenn es die unfassbar einzigartige Grausamkeit von Menschen behandelt? Und kann es dann noch wahr sein? Paul Celan war diesem Vorwurf ausgesetzt, hat ihn aushalten müssen. Der Präsentation seiner "Todesfuge" durch das Ensemble "this honourable fish" im Lazarettbunker kann man diesen Vorwurf schwerlich machen  – zu weit entfernt von rotweingeschwängerten Wohnzimmern, cellodurchwirkten Gedenksälen oder stickigen Schulklassen: Ein Bunker ist ein historisch authentischer Ort von Todesangst und Ohnmacht. Und von Krieg.
Ein passender Ort für Celans Meisterwerk, das vielen nach Adornos als Verdikt verstandenem Urteil, &dbquo;nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, als unpassend erschien. Anja Kreysing und Helmut Buntjer ("This honourable fishV), verstärkt durch den Niederländer Max Kuiper, schufen mit ihrem "Lait Noir Du Matin" ein elektroakustisches Environment, das mal Klang-Teppich, mal Spot war.
In den zum Fürchten dunklen Räumen pulsierten Geräusche, die den teuflischen Ton der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschine aufriefen: kreischend quietschende Züge, metallisches Schaben, dumpfes Dröhnen. Als wollte das Akkordeon dieser hörbaren industriellen Tötungshölle so etwas wie Musik geben, erklangen mal marschig Akkorde, mal kleine Melodien – wie ein Verklingen von Kultur oder ein Aufhoffen.
Wer diese "Todesfuge" im Bunker erlebt hat (und es waren verblüffend viele), konnte erleben, dass Celans unversöhnliche Verse eine höchst konkret schmerzende Mahnung und kein idealisierend verklärendes Poem von Anmut und Würde sind.
(Gerd Kock, WN)


 
 
Panzerkreuzer Potemkin / Eisenstein:


 
Das Drama hat fünf Akte. Im vierten Akt von Panzerkreuzer Potemkin kommt sie dann, "Die Treppe von Odessa", jene berühmte, grausige Sequenz, wo die zaristischen Offiziere im Jahr 1905 auf das aufbegehrende Volk schießen. Mit der legendären "Kinderwagen- Sequenz": Ein Baby, dessen Mutter erschossen wird, rollt die riesige Hafentreppe herab.
Anja Kreysing und Helmut Buntjer untermalen die Szenen aus Sergej Eisensteins Revolutions-Epos von 1925 auf verblüffende Art: Sie versuchen nicht, die kreischenden Massen und donnernden Gewehre akustisch zu imitieren. Stattdessen: Astor Piazzolla! Dessen morbide Tangoklänge schmiegen sich emotional verblüffend stimmig an das Chaos. Und der Tango wird zum Totentanz.
"Schwarz-Weiß ist die bessere Farbe" heißt das Motto der Stummfilm- Reihe, die Kreysing und Buntjer veranstalten, vormals im Cinema, nun drei Mal in der Stadthausgalerie. Potemkin war am Sonntag der letzte Streich an diesem Ort ... Mit Live-Klängen, wie man sie sonst nicht zu hören bekommt.

Rechts von der Leinwand sitzt Helmut Buntjer, spielt Posaune und Tuba, lässt seine Instrumente singen oder avantgardistisch knirschen. Und natürlich bekommen die Dampfer der russischen Flotte ein ohrenbetäubendes Dröhnen mit auf den Weg. Elektronik kommt hinzu, die Lautsprecher verstärken alles. Links spielt Anja Kreysing ihr Akkordeon, das natürlich genau zu Piazzolla passt. Und nicht minder zur Wehmut eines russischen Volksliedes oder zum Einheitsfrontlied von Hanns Eisler und Bert Brecht.
Stummfilmmusik war in seinen Anfängen immer ein Zitate- Reigen, das macht immer noch den Spaß aus ... auch das Auge kam hier voll auf seine Kosten. Schwarz-Weiß ist eben die bessere Farbe.
(Arndt Zinkant, WN)

Hier geht es zur Musik zu Potemkin mit

this honourable fish

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Potemkin2
fish-cover
© Kreysing

La Chute de la Maison Usher:


 
Es pfeift und pfeift und pfeift. Der Untergang des Hauses Usher kommt umtost von Sturmböen daher, welche Vorhänge zerzausen, Baumwipfel verbiegen und Haare verwehen. Edgar Allan Poes berühmte Geschichte wurde am Freitag in der Stadthausgalerie als Stummfilm präsentiert, untermalt von mächtig wogenden Sound-Effekten aus dem Rechner, die die Musikerin Anja Kreysing vorab punktgenau auf eine Tonspur gelegt hatte. Von wegen Stummfilm!
 
Aber das war nicht alles. Anja Kreysing legte dann live noch Akkordeon-Klänge darüber, die den Sog der Töne bereicherten um eine oft hypnotische Aura, wie sie die Melancholie einer Quetschkommode mühelos erzwingt. Traurig kündeten diese Klänge von Vergänglichkeit und hüllten die morbiden, teils gruseligen Filmbilder wie einen Schleier ein.
Das zweite &dbquo;Auswärtsspiel in der Stadthausgalerie. Nach dem bizarren Schelmenstreich Nosferatu (mit dem Theaitetos Trio) am Dienstag war die Poe-Verfilmung (1928) von Jean Epstein in jeder Hinsicht Kontrastprogramm. Ein Filmkonzert wie eine traurige Traumfantasie. Ein Film fast ohne Handlung mit einer Musik, die ihre melancholische Stimmung kaum variierte. Dem musste man sich einfach überlassen und sich in die Welt von Roderick Usher hineinwehen lassen.
Usher, der übersensible, degenerierte Künstler, malt im spukigen Familien-Schloss seine Frau Madeline, die an einer seltsamen Krankheit leidet. Im Verlauf der Handlung wird sie lebendig begraben, befreit sich am Ende aber aus der Gruft. Die Filmversion von Epstein (mit Luis Buñuel als Co-Autor!) weicht deutlich von Poes Story ab: Dort nämlich fehlt das Gemälde von Madeline, die außerdem nicht die Ehefrau, sondern die Schwester Rodericks ist. Einerlei: Was zählt, sind die starken, unheimlichen Bilder, die Anja Kreysing oft in eine sehr lange, sehr französisch klingende Valse triste taucht. Und wenn die Uhr schlägt oder Buchseiten knistern, klingt dies so anspringend echt, als wäre man mittendrin im modrigen Hause Usher.
(Arndt Zinkant, WN)
 
 

Berlin - Sinfonie der Großstadt:


 
Diesen Film in einem Parkhaus zu zeigen, und das bei laufendem Betrieb, darauf muss man erst einmal kommen … und wie das funktioniert hat: Der säkulare Sound der Straße, die Busse, Krads, die Sirenen und LKW, all das mischt sich mit dem hervorragenden und der Filmvorlage in allem ebenbürtigen Klangkosmos, den das Theaitetos Trio scheinbar traumwandlerisch sicher allen Facetten des Films beisteuerte. Toll.
(MZ)

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